Wochenende
in Eretria
Heute
ist Freitag. Eigentlich wollte sich Rudi rasieren
für die Athener,
die an diesem Tag zu Hauf auf die Insel in ihre Wochenenddomizile kommen, seien
dies nun Häuser oder ihre Wohnwagen am Campingplatz. Es ist wahrlich ein
Gewurl am Pier, wo die Fähren ankommen, die sonst noch geduldig ein paar
Minuten warten, ob sich denn nicht noch einer in ihren Schiffsbauch begeben will.
Nein, von Freitag bis Sonntag ist das anders. Da haben die Einweiser die Hektik,
da wird gefuchtelt, geschrieen, die Fracht dazu angetrieben, ihre Blechdosen nur
ja voranzutreiben, auf dass man recht bald abfahren kann, um hinüber zum
Festland zu fahren und die dort bereits ungeduldig Wartenden aufzunehmen.
Da werden nicht wie sonst die dicken Haltetaue des Schiffes am Pier festgemacht.
Da hält der Kapitän das Schiff mit Hilfe des Motors in der richtigen,
oft schwankenden Position, gerade so, dass genug von der Rampe am Beton aufliegt,
damit die Fahrzeuge gefahrlos ein- und ausfahren können.
Das Schiff mag wohl 100 Meter oder mehr messen. In der Breite werden wohl 6 -
8 Fahrzeugkolonnen ihren Platz finden. Da steht alles bunt gemischt durcheinander
- oder eben nach einem wiederum griechischen System, das wir nicht durchblicken:
Motorräder, PKWs, manche mit Anhängern oder Booten, LKWs von brandneu
bis bereits historisch, aber seltsamer Weise noch fahrtauglich. Wir sahen einen
Magirus Deutz, der wohl seine gut 50 Jahre auf der Karosserie hatte - ein inzwischen
in Griechenland seltener Anblick, denn die EU-Abgasnorm-Richtlinie zeigt inzwischen
Wirkung.
Also schütten
die Fähren ihre Fracht ans Land und über die Brücken in Chalkis
fließt ebenfalls reger Zustrom auf die Insel, welche am Freitag beginnt
und am Samstag, irgendwann im Laufe des Tages, seinen Höhepunkt findet.
Dann geht es lustig zu auf der Insel, die Geschäftsleute agieren ein bisschen
schneller als sonst und das Leben pulsiert.
Die
Athener am Campingplatz sind vorerst sehr ruhig und uns gegenüber erst einmal
skeptisch und reserviert. Von ihren Kindern merken wir kaum etwas. Sie drehen
fröhlich mit ihren Fahrrädern ihre Runden am Platz oder spielen am Strand.
Erst als die Athener merken, dass wir keineswegs ihre ruhige Wohnwagenidylle stören
wollen, sondern viel Zeit darauf verwenden, unsere Motorräder bis in den
kleinsten erreichbaren Winkel zu putzen oder abends an unserem Laptop arbeiten,
werden sie freundlicher und grüßen im Vorbeigehen.
Im Städtchen
und im Restaurant am Campingplatz herrscht reger Betrieb. Nach dem Abendessen
(mit Wein und Ouzo) ziehen sich die Griechen am Campingplatz vor ihre Wohnwägen
zurück und feiern das Wochenende - nun etwas intensiver und emotionaler.
Wir wissen nicht, wie lange. Umgeben von Musik und Tanz, dem Kommentar der ersten
Fußball-WM-Spiele und dem Lachen fröhlicher Menschen entschlummern
wir in unserem Zelt.
Am
frühen Sonntag Nachmittag werden (wieder in aller Ruhe) am Campingplatz die
Griller angeworfen. Nach dem Essen brechen die ersten auf, zurück in die
große Stadt.
Sonntag Nachmittag bewegt sich alles in die entgegengesetzte Richtung. Dann aber
so ziemlich alles auf einmal. Gegen 19 Uhr bricht Eretria - nach griechischen
Verhältnissen - unter dem Rückreiseverkehr zusammen. Stau in den Hauptstraßen,
besonders auf den Zufahrtsstraßen zu den Fähren. Das hohe (zum Stillstand
gekommene) Verkehrsaufkommen wird am Pier von vier "Helenic Coast Guards"
kontrolliert. Der Einsatzwagen der Stadtpolizei parkt - einsatzbereit und besetzt
mit zwei Mann - etwas entfernt vom Geschehen in einer ruhigen Seitengasse.
Der
Stresspegel erreicht bei allen seinen Höhepunkt, ganz besonders bei den Fahrern
der Fahrzeuge und dem Fährenpersonal. Es gestaltet sich dann auch äußerst
schwierig und gefährlich, die Straße an der Hafenpromenade als Fußgeher
zu überqueren, am besten, man lässt es zu dieser Zeit bleiben und setzt
sich in die "Taverne der alten Männer", um das Schauspiel zu genießen.
Sonntag Nacht beruhigt sich die Stadt wieder, um am Montag überhaupt in einer
Art Dornröschenschlaf zu versinken. Da ist es eher üblich, später,
als am Geschäft angeschrieben oder gar nicht aufzumachen.
Von
Montag bis Freitag Mittag gestaltet sich das Leben in der Stadt und am Campingplatz
beschaulich und ruhig. Nur die Hunde bellen und die Grillen zirpen. Was wohl der
Grund dafür ist, dass die Hektik am Wochenende leicht, fröhlich und
freundlich gar nicht als solche von den Geschäftsleuten empfunden wird.
Im Gegensatz zu anderen Städten eben, wo "die Saison" von Mai bis
September Tag für Tag durchgeht, ohne einen freien Tag, ja für viele,
die ein Geschäft selbst betreiben, gar ohne eine freie Stunde.
Alle Texte und Fotos, wenn nicht anders angegeben, © Tatjana Suchovsky und Rudi Benesch.
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