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PIONIERE DER SCHOTTERSTRASSE

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1956: Pioniere der Schotterstraße - 3. Teil
Als die 125 ccm noch 5 PS hatten

Das Tagebuch erzählt in einem Eintrag von Otto:

Hinter Vasto passierte es dann. Plötzlich war der Haupttank leer und der Reservetank sollte 40 - 50 km reichen. Er reichte aber nur 20 km. 4 km musste ich dann schieben. Es war dazu noch ein sehr heißer Tag, aber es hätte ja schlimmer sein können. Bei einer Schiebepause kaufte ich eine Flasche Wein und die soffen wir, zur Stärkung der vom Schieben geschwächten Glieder, aus. Als wir dann eine Benzinstation erreichten, soffen wir mit einigen netten Italienern weiter. Es wurde ein netter Rausch. Ich fuhr dann im Schritt weiter, aber nur mehr 10 km/h. Dann fanden wir in einem kleinen Dorf einen Gasthof. Um das Kraut fett zu machen, waren auch dort nette Leute: ein Kommunist, ein Faschist, ein Sozi und ein Christlicher usw., alles gute Freunde, aber einer kannte die Gesinnung des anderen und sie schimpften sich gegenseitig. Ich zahlte 1 Liter Wermuth und 11 Mocca. Wir politisierten, sprachen über Sport und alles mögliche. Es war sehr nett und ich war restlos blau. Am nächsten Morgen der Kater war auch nicht von schlechten Eltern: Rotwein, Wermuth, Bier, Schnaps, Kaffee, alles durcheinander getrunken - das war zuviel. Das Dorf hieß San Salvo und der Wirt nahm 900 Lire."

<<< San Salvo

So ungerne Otto in Gasthäusern speiste, so gerne testete er den italienischen Rotwein in den netten Bars. Nach einem dieser Barbesuche fuhren wir weiter. Er war unheimlich gut aufgelegt, sang lautstark während der Fahrt und streckte immer wieder die Füße auf die Seite.


San Salvo >>>

In dieser guten Laune machte er ein Quartier aus. Während ich die Koffer auspackte und mich von Straßenstaub befreite, wollte er kurz weggehen, um zu schauen, ob es eine Bar in der Nähe gäbe, die auch guten Wein hat ...


<<< Termoli

... Er blieb lange aus. Ich machte mir Sorgen und ging ihn suchen. Da fand ich ihn, tatsächlich in der nächsten Bar, umringt von einigen einheimischen Männern, alle bestens gelaunt. Und alle luden sie uns zu sich nach Hause ein, um bei ihnen weiterzufeiern. Wir haben uns sehr über die Gastfreundschaft gefreut, aber die Hausbesuche doch höflich abgelehnt. Der Brummschädel, den wir uns dabei eingefangen hätten, hätte uns die Weiterreise am nächsten Tag sicher verleidet.


Termoli >>>

Wir hatten eine kleine, rote Plastikflasche mit Becher. Diese ließ Otto immer in der Früh in einer dieser kleinen Bars anfüllen. Eines Tages kam er höchst belustigt aus der Bar, mit der vollen Flasche in der Hand. "Die wissen, wie ich heiße", lachte er. - Ich war erstaunt. - "'Se san da Otto', haben sie gesagt!"
Dann erklärte er mir, daß der Wein 68 Lire gekostet hätte. Und 68 heißt auf Italienisch: sessantaotto.


<<< Maiori

Das Tagebuch erzählt:
7. Tag, 6. Juni 1955:
"Heute sollte der heißeste Tag in Italien werden. Über 40 ° zeigte das Thermometer. Bei Termoli, wo die unfreundlichsten Leute Italiens wohnen, machten wir noch einmal einen Kopfsprung ins blaue Meer, um sodann die Adria zu verlassen und in einem Zug gegen Westen das tirrenische Meer zu erreichen. Noch dazu hatten wir das Pech uns zu verfahren und 10 km Umweg an diesem heißen Tag taten sehr weh. Über Foggia, wo sich gewitterdrohende Wolken zusammenballten und wo wir tankten und Cocacola tranken, gig es weiter.
Zum Glück kam das Gewitter nicht. Eine Eierspeise, im Schatten eines der wenigen Bäume, schmeckte gut und half uns weiter.
Nach Avellino war es nicht mehr so heiß. Die Landschaft wurde schöner, es war aus mit der Ebene. Die Berge erinnern an die Bucklige Welt. Bei Salerno erreichen wir das Meer und fahren die Küste entlang auf einer sehr schönen Straße, auf der sich immer wieder neue Perspektiven über den wunderbaren Golf von Salerno entwickeln, gegen Westen. Erstmals sind wir beide sehr müde. Die große Hitze hatte uns fertig gemacht."

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Positano >>>

Müde nach einer Tagesleistung von 339 km in großer Hitze fanden wir eine Unterkunft. Das Nachtquartier war eher alles andere als einladend. Ein großer, düsterer Schlafsaal mit 10 Betten, die mit stoffbezogenen Raumteilern wie im Krankenhaus voneinander getrennt waren, der zwar nicht "ausgebucht" war, wo aber immerhin noch zwei wildfremde Italiener mit uns nächtigten. Ich hatte Angst, daß sie uns in der Nacht überfallen könnten. Als mein Mann vom Einkaufen fürs Abendessen zurückkam, hatte er keine Butter bekommen - nur Wurst, Käse und Brot. Da hätte ich mich am liebsten auf den Rückweg per Bahn gemacht.

Dazu schildert das Tagebuch die Situation aus der Sicht von Otto:
"Wir fahren noch bis Amalfi, wo wir auf dem Hauptplatz von einer Schar von Hendelfängern [Quartiervermittlern] überfallen werden, welche besonders Lisl missfallen. Ich drehe kurz entschlossen um, die Preise waren wahnsinnig hoch, und fahre ein Stück zurück und eine Straße den Berg rauf, in der Hoffnung, dort oben etwas billigeres zu finden. Leider war das nicht der Fall und die Tränen meiner lieben Gattin erhöhten auch nicht meine Laune. Also wieder bergab. Es dämmerte schon. In Minori fanden wir in einem unheimlichen, alten Haus für 1.000 Lire ein fürchterliches, unversperrbares Zimmer. Ich ging noch etwas einkaufen. Die Leute sprechen hier fürchterlichen Dialekt. Dann aßen wir noch unser Brot (mit Tränen!!!) und legten uns zur Ruhe. Vorher genossen wir noch von unserem Balkon das Meer und den Wirbel vor unserem Haus. Unter uns war der Kasperl geparkt und wir hofften auf ein gutes Wiedersehen. Dann schlossen wir die müden Augen, hatten aber vorher noch einen Stuhl gegen die Türe gestellt."

<<< am Strand

Als wir am nächsten Morgen vor die Türe traten und "Kasperl" inspizierten, stellten wir fest, daß sie unser Maskottchen, den kleinen Stoffkasperl, der an ihm angebracht war, gestohlen hatten. Wir trugen es mit Fassung und waren froh, daß sie den großen "Kasperl" nicht auch mitgenommen haben.

Daß man den Roller hätte stehlen können, war uns damals nicht wirklich in den Sinn gekommen. Zu jener Zeit konnte man in Italien sein Fahrzeug noch ungesichert auf der Straße stehen lassen.

Positano >>>

Weiterfahrt nach dem schönen, damals noch verträumten Ort Positano, wo wir für einige Tage ein Quartier bezogen.
Zum Strand ging es ziemlich steil bergab - das Wasser war tiefblau.


Ausflug nach Capri >>>, wo mir am kleinen Schiff so ein Anflug der Seekrankheit zukam.

Capri ist wunderschön. Wir haben die Villa von Axel Munthe besucht, sind zum Monte Tiberius und - nicht zu versäumen - die Einfahrt in die Blaue Grotte. Ein unvergessliches Erlebnis!

Aus dem Tagebuch:
8. Juni 1956:
"Um 8 Uhr sollte das Boot nach Capri gehen. Wir waren aber schon um 1/2 8 dort und der Bootsbesitzer wollte uns raten, am nächsten Tag zu fahren, weil für heute schon alle Plätze für Engländer reserviert seien. Wir warteten aber und wollten mitfahren. Um 8 Uhr fuhr das erste Boot und wir beide fanden auch noch Platz. Es waren kleine Boote für 25 - 30 Personen. Kosten: 1.000 Lire pro Person.
Das Schiffchen schwankte ganz schön. Ich gestehe, ich musste kämpfen, um das magere Frühstück innen zu behalten. Wir fuhren die Küste der Halbinsel Sorrent entlang, einzelne bewohnte kleine Felsen tauchten aus der See auf und einer Engländerin wurde ganz übel. Sie vertauschte ihren Platz im Inneren, wo leider auch wir saßen, gegen einen an der frischen Luft. Ich hätte auch einen gebraucht.
Als wir gegen die Spitze der Halbinsel kamen, tauchte auch schon Capri auf und wir streckten unsere Köpfe fast alle in diese Richtung. Mit Ausnahme einiger englischer Damen, die kein sonderliches Interesse zeigten. Und dann waren wir dicht dran.
Beim Monte Tiberio vorbei, beim Hafen Marina Grande vorbei, es war die Insel der Träume! Das Wasser war so blau, wie man sich das Meer vorstellt, am Himmel stand keine Wolke. Wir hatten Glück an diesem Tag.
Plötzlich sahen wir vor uns eine große Anzahl von Ruderbooten auftauchen und unser Bootsführer, der vorher Arien aus italienischen Opern laut und mit Text gesungen hatte, erklärte uns, das sei die Blaue Grotte. Ich schaute, sah ber nichts. Plötzlich tauchte aus dem Felsen scheinbar ein Boot auf. Der Eingang war so klein, daß bei hohem Seegang ein Einfahren unmöglich ist. Wir mussten von unserem Boot auf kleine Ruderboote umsteigen. Dann durften wir noch 300 Lire pro Person Eintritt bezahlten und dann war es so weit. Wir mussten uns bücken. Der Bootsmann zog das Boot an einem Drahtseil in das Innere, da kein Platz zum Rudern war und dann waren wir drinnen, sperrten Mund und Nasenlöcher auf und staunten. Eine 100 m lange, 50 m breite Grotte, in welche das Licht, zum größten Teil unter Wasser, nur durch eine Öffnung Eintritt hat. Der Lichteffekt ist einmalig. Als ob unterirdische blaue Scheinwerfer das Wasser beleuten, zeigt die Wasseroberfläche ein blau, wie man es nicht beschreiben kann.
Einmal ruderten wir herum und sahen noch die kleinen Fischerln, welche sich als schwarze Schatten von dem herrlichen Blau abhoben. Dann waren wir wieder draußen.
Der Bootsmann erließ es meinem Großmut, ihn zu belohnen und angesichts des einmaligen Erlebnisses waren 300 Lire nicht zu viel.
Unser Boot wurde wieder bestiegen und weiter ging es um die Insel herum. In Marina Piccola gingen wir an Land. Eine kleine Anlegestelle für Motorboote zwischen Felsbrocken - hier betraten wir Capri. Zwischen Restaurants ging ein Treppenweg zu einem kleinen Platz. Hier standen alte Droschken mit noch älteren Droschkengäulen und deren Kutscher stürzten sich auf uns. Sie wollten uns unbedingt nach dem Ort Capri führen. Aber wir fürchteten die Ausgabe und gingen den Treppenweg zu Fuß. Eine halbe Stunde dauerte der Marsch. Er war nicht besonders schön. weil die Aussicht meistens von Steinwänden links und rechts, Abgrenzungen von Parks, verstellt war. Von Capri war der Rundblick herrlich. ...
Dann hatte Liesl eine tolle Idee. Sie hatte gehört, daß man von der Villa Jovis auf dem Monte tiberio die Überreste einer ins Meer versunkenen Villa sehen könnte. 40 ° im Schatten, aber es war keiner da, so gingen wir eine Stunde bergauf zum Palast des Tiberio. Beim Eingang saß wie üblich der staatliche Kartenverkäufer, der auf 1.000 Lire nicht rausgeben konnte. Das Kleingeld reichte aber nur für eine Karte, also ging es auch so. Auf dem Monte Tiberio sahen wir die Überreste der Villa, riesengroße Mauerreste, aber nirgends die in den Fluten versunkene Stadt."
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Ein Ausflug nach Pompeji durfte auf unserer Tour nicht fehlen. Wir leisteten uns eine Führung, bei der die Ausgrabungen genau erklärt wurden.

Das Tagebuch berichtet:
10. Tag: Samstag, 9. Juni 1956:
"Um 9 Uhr wurde geöffnet und wir betraten gespannt diesen historischen Boden. Es war überwältigend. Herrlich erhaltene Villen mit sanitären Einrichtungen, die oft heute in Häusern fehlen, Brunnen mit Misaikeinlagen, Freskengemälde, Trittsteine für die Fußgänger, thermophorartige Behälter für kalte und warme Speisen und tausende andere Einrichtungen zeigen den Besuchern, daß vor 2.000 Jahren eine Stadt nicht viel anders ausgesehen hat wie heute. Ein Führer erklärte uns einiges und ein Student bemühte sich, uns einige Wörter ins Deutsche zu übersetzen. So manches Dorf wäre froh, wenn es solche schön gepflasterte Dorfstraßen hätte, wie man sie in Pompei sieht."


<<< Vesuv voraus!

Otto wollte, daß ich auch einen Rollerführerschein mache. Das war damals ganz außergewöhnlich für eine Frau. Wir mußten beim Verkehrsamt eine theoretische Prüfung über Verkehrsregeln absolvieren und bekamen dann den Führerschein für den Roller bis 125 ccm.

Hier auf dem Foto fahre ich nicht. Ich bin mit dem Roller selbst nur einmal in Österreich auf einem Ausflug kurz gefahren.

Anschließend ging es auf den Vesuv >>> hinauf. Glühende Lava gab es keine, aber ein Führer steckte Papier in ein Loch am Boden und es fing sofort Feuer.

Aus dem Tagebuch:
"Plötzlich, nach kurzer Anfahrt, waren wir in einem Lavafeld drinnen. Und nach einer kurzen weiteren Fahrt standen wir vor einer Mautstelle. 600 Lire nahmen sie uns weg und sagten noch, daß das letzte Stück der Straße schlecht sei und wir vorsichtig fahren sollten. Der Gauner gehört auf den Galgen! Die Sache war so: 6 km furhen wir auf einer Betonstraße mit ca. 10 % Steigung bergauf. Plötzlich, die Betonstraße sollte eine Linkskurve machen, war hinter der Kurve nichts wie Lava. Die Straße ging direkt in ein Lavafeld rein! Hier war die Straße vor 6 Monaten verschüttet worden. Als Ersatz führte eine aus der Lava geschlagene und mit Lavakies bestreute Straße weiter, die für uns enbefahrbar war, weil das lockere Material unter den Rädern wegrutschte. Also stellten wir unseren Roller ab, aßen noch ein frugales Mittagsmahl, bestehend aus Sardinen, Käse, Salami und Rotwein, und gingen zu Fuß weiter.
Der Weg zog sich und meine liebe Frau hatte infolge der drohend aussehenden Lavamassen im Geiste die Hose voll. Nach einer guten halben Stunde kamen wir zum Ende der provisorischen Straße. Zwei Autos standen einsam und verlassen dort, wie überhaupt kein toller Betrieb herrschte. Hier saß ein Bursche, vor dem 20 Stecken in der Lava steckten, die er als Bergstecken an die Besucher verkauft. Ein Führer ließ sich nicht abwimmeln und ich ließ ihn uns voranschreiten, in der Absicht, ihn für seine lästige Begleitung dann dementsprechend zu bezahlen. Dies tat ich dann auch mit 100 Lire und er machte ein saures Gesicht, weil er selbst vorgeschlagen hatte: Wenn es uns nicht gefallen würde, bräuchten wir nur 1 Lire bezahlen.
Bei einem vor sechs Monaten gewordenen Krater machten wir Schluß und ersparten uns den restlichen Aufstieg, da es überall gleich aussah. Heißer Lavasand und Öffnungen, aus denen es heiß herausströmt, zeigen aber, daß der Berg nur schlummert.
Eine Abkürzung runter zu unserem Roller war das Blödeste, was wir nehmen konnten. Der scharfe Lavasand füllte unsere Schuhe und ich hatte Mühe, die letzten 100 m zu bewältigen. Beim Roller endlich fand die ersehnte Entleerung statt und dann fühlten wir uns wieder wohler."


Fotos: © Otto Suchovsky



© Copyright by Tatjana Suchovsky & Rudi Benesch
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