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Pioniere
der Schotterstraße
"Unser Roller Tagebuch"

Ein dickes Buch, vollgeschrieben bis zum letzten Blatt.
Es handelt von "Kasperl", einem 125er Puch-Roller mit 5 PS.
Es war damals nicht so, dass ein oder mehrere Fahrzeuge in einer Familie selbstverständlich
waren. Schon ein Roller war etwas ganz Besonderes. Er machte unabhängig von
öffentlichen Verkehrsmitteln, die man für den Arbeitsweg und die Urlaubsreisen
damals für gewöhnlich benutzte. Man hat lange gespart drauf und ihn
dann bar bezahlt. Und Motorräder gab es zu jener Zeit nur ganz ganz selten!

Gefahren wurde er von Otto und Elisabeth, damals 30 und 29 Jahre
alt. Und was die beiden mit Kasperl erlebten, wurde akribisch genau in dieses
Buch eingetragen meist von Otto, manachmal auch von Elisabeth.
Es beginnt am 6. März 1955.
Elisabeth: "Gestern war es so weit. Wir haben mittags unser "Kind"
übernommen. "Er" ist sehr schön, aber noch ein bisserl nackt.
Die Unterkuft für ihn ist nun auch o.k. und schön austapeziert. Gesern
hat er die ersten 6 km hinter sich gebracht. Es ging ganz gut."
16. März 1955
Elisabeth: "10 Tage ist der 'Kasperl' nun im Ställchen gestanden.
Jetzt hab ich den Vati auf die Reise geschickt, sonst kommen wir nie zu unseren
300 km ..."
Otto: "Es war eine tolle Nachtfahrt. Da ich die Gänge noch nicht
verdaut habe, ist es mir passiert, daß ich anstatt dem 1. Gang den 3. rein
bekam und dann fing bei einem Tempo von 5 km/h der Motor zu husten an. Gekracht
hat es auch einige male ganz schön. Auf der Oberen Donaustraße bin
ich zum 1. male im 3. Gang gefahren. Insgesamt habe ich in einer 3/4 Stunde 16
km zurückgelegt und dabei nur 2 mal antreten müssen, weil der Motor
abgestorben ist.
Kilometerstand: 30."
Die Probleme damals und heute ähneln sich, was auch der Eintrag vom 20.
März 1955 bestätigt:
Otto: "Zuerst bin ich in die Gumpendorferstraße gefahren, um
Zubehörteile anzuschauen und weil beide Daumen dabei gefroren haben (es hat
ja nur 2 - 3 ° über 0!), bin ich nochmals nach Hause, um noch ein Paar
Handschuhe anzuziehen. Dann bin ich über die Mariahilferstraße bis
zum Technischen Museum, und die Wientalstraße fast bis Hütteldorf hinaus.
Weil der Wind aber in plötzlichen Stößen nicht sehr angenehm war,
habe ich umgedreht und bin auf den Wackerplatz zum Spiel Rapid - LASK gegangen."
Aber auch damals legte man schon Wert auf Optik:
23. März 1955:
Otto: "Kasperl war heute und gestern bei der Montage von Sturzrahmen,
Trittbrettern, Zierketten für Bowdenzüge und Auspufftopf. Habe ihn mittags
geholt. Er schaut jetzt schon ganz anders aus. Abends habe ich dann Runden gedreht,
um auf 200 km zu kommen. Dies ist mir dann auch um 1/2 11 Uhr gelungen."
Am 30. Mai 1955 die bis dahin weiteste Tour:
Otto: "Heute auf großer Fahrt gewesen. Die größte bisherige
Tagestour von 190 km. 1/2 7 Uhr früh Start: Mariahilferstr. - Wiental - Hietzing
- Mauer - Perchtoldsdorf - Mödling - Baden - Vöslau - Berndorf - Piesting
- Dreistetten - Stollhof - über die Mautstraße auf die Hohe Wand. Ein
Lohner Roller keuchte vor uns eine etwa 12 - 15 %ige Steigung rauf, auf der Geraden
ließen wir ihn passieren, holten ihn auf einer Steigung und ließen
ihn wieder vor. Auf der nächsten Steigung waren wir wieder bald vor ihm.
Oben angekommen, parkten wir und gingen zu Fuß zuerst zum Waldegghaus, von
wo wir eine miese Aussicht genossen. ...
Abfahrt gut, dann weiter rund um die Hohe Wand über Höflein - Grünbach
nach Puchberg. Dann folgten ca. 30 km Staubstraßen. Wir sahen aus wie die
Mehlsäcke. Zuerst ging es Waidmannsfeld, dann noch ein Stück weiter,
die Bundesstraße links rauf bis Pernitz, dann steile und staubige Straßen
weiter über den "Hals" (steil ansteigend) bis Pottenstein und über
Berndorf - Traiskirchen - Guntramsdorf - die Reichstraße über die Spinnerin
am Kreuz nach Hause.
Im Großen und Ganzen kann über den heutigen Tag gesagt werden, daß
der Kasperl seine Sache ausgezeichnet gemacht hat. Ich habe jetzt die Gewissheit,
daaß bei sauberer Kerze und nicht zu fettem Gemisch Steigungen auch über
20 % mit 2 Personen und Gepäck geschafft werden können.
Kilometerstand: 2.555."
Gar strenge wachte auch damals schon das Auge des Gesetzes:
6. Juni 1955:
Otto: "Abends wollten wir ins Apollo [Kino]. Bei der Marienbrücke war
die Fahrt frei und ich steigerte das Tempo, um noch über die Kreuzung zu
kommen. Als ich mit dem Vorderrad einen Meter über dem Schutzstreifen war,
kam Orange und ich fuhr rasch weiter, um die Kreuzung zu räumen. Da ertönte
auch schon die Pfeife des Kreuzungsbeamten. Ich ging zu ihm und die Amtsperson,
gegen die es in Östgerreich keinen Widerspruch gibt, erteilte mir 10,- Schilling
[heute: 0,73 Euro] Strafe, weil ich seiner maßgeblichen Meinung nach die
Kreuzung befahren hatte, als schon Orange war. Da ich unter keinen Umständen
zu meinem Recht kommen kann, zahlte ich. So kam die erste Strafverfügung
zusammen. Der Teufel soll den ...... holen!"

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