Reise in die Vergangenheit der Gegenwart
Von
Githio aus ist es beinahe Pflicht, eine Runde um die Mani zu drehen, jene geschichtenumwobene
Halbinsel, auf der sich die Menschen keine Häuser bauten, sondern festungsartige,
bis zu 25 m hohe Wohntürme (Pygri) mit Wandstärken bis zu 1,50 m.
Wir bekommen von Peter den Tipp, am Vormittag die Ostküste südwärts
zu fahren und nachmittags die Westküste wieder nördlich, was zwar heißer
ist, doch die Lichtverhältnisse sollen dann wesentlich besser sein.
Also fahren wir von Githio nach Areopoli. Bald nach dem Ortsende biegen wir links
ab, um wieder an die Ostküste zu gelangen. Zwar gäbe es auch eine Strecke
direkt von Githio nach Kotronas, doch die ist in unserer Landkarte weiß
eingezeichnet. Solche vermeiden wir mit unseren Straßenmaschinen, da es
sich bei weißen Straßen auch um Schotterstraßen handeln kann.

Bald nach der
Abzweigung sehen wir die ersten Ansammlungen von Turmbauten, die wenig einladend
in die Landschaft gesetzt sind. Sie gehörten nicht dem Adel, sondern Bauern-
und Handwerkerfamilien, die einflussreiche Clans bildeten. Jeder Clan verteidigte
sein Eigentum bis zur letzten Konsequenz, deshalb waren in ihren Türmen Verteidigungsanlagen
wie Schießscharten und Erker, um kochendes Wasser oder Öl runterschütten
zu können, untergebracht. Um den Pygros, Statussymbol für Macht und
Ansehen, scharten sich die Wirtschaftsgebäude des Hofes und alles wurde auch
noch mit einer Mauer umschlossen.
Die
meisten Turmgehöfte wurden im 18. und 19. Jhdt. (nur wenige im 15. und 16.
Jhdt.) auf den südlichen Ausläufern des Taygeton erbaut, sind also nicht
sehr alt. Die Mani war ein Ort der Vertriebenen und aufgrund ihrer versteckten
Buchten ein gutes Versteck der Piraten. Diese machten mit Sklaven- und Beutehandel
mit der zuerst sehr armen Bevölkerung gemeinsame Sache. So entwickelten sich
die Clan-Aristokratie: religiös, koservativ, patriarchalisch organisiert
und andauernd in Machtkämpfe verwickelt. In dieser Region Griechenlands herrschte
nicht nur die gefürchtete Blutrache, die alten Manier stritten sich auch
in jahrelangen Familienkriegen um Kleinigkeiten. Noch gegen Ende des 19. Jhdts.
galt das Recht des Stärkeren.
Die Mani wurde nie wirklich von den Türken eingenommen. Zum einen hielten
die Wehrtürme stand, zum anderen waren die Menschen ausgezeichnete Selbstversorger.
Wenn man genau schaut, erkennt man in der Landschaft noch die unzähligen
Terrassen, die einst angelegt wurden, um die Dinge, die sie benötigten, besser
anbauen zu können.

Als die politische
Neuordnung in Staaten in Europa Einzug hielt und die Piraterie ihr Ende fand,
ging es mit den traditionellen Gesellschaftsstrukturen in der Mani bergab. Es
gab nichts mehr zu verteidigen. Die Wehrgehöfte wurden überflüssig,
wurden von ihren Bewohnern verlassen und verfielen. Doch die Mentalität der
Menschen aus früheren Zeiten hat sich auf der Mani bis heute, wenn auch in
abgeschwächter Form, erhalten.
In
Flomochori folgen wir nicht dem Straßenverlauf, sondern biegen auf den Hauptplatz
ein, stellen die Räder ab, winden uns aus Helm und Lederjacke und nehmen
an einem Tisch in einer der beiden Tavernen Platz. Während wir in anderen
Orten stets für Aufsehen mit unserer Ausrüstung und unseren für
Griechenland außergewöhnlichen (da nicht geeigneten) Straßenmaschinen
sorgen, tun die Einwohner von Flomochori so, als wären wir gar nicht vorhanden.
Zwar werden wir freundlich bedient, doch interessiert sich hier keiner dafür,
woher wir kommen und wieviele Kubik hinter den Verschalungen unserer Motorräder
versteckt sind. "Ich lass dich in Ruhe, lass du mich auch in Ruhe",
war stets die Lebensphilosophie dieser Menschen, die sich bis heute erhalten hat.
So
ist auch das musikuntermalte Eintreffen des fahrenden Supermarktes für sie
weitaus interessanter. Von nah und fern kommen die Frauen zu Fuß oder mit
dem Auto, um einzukaufen, während alte Männer in den Tavernen sitzen
und das Treiben auf dem Platz beobachten.
Nach unserem Kaffee machen wir uns wieder auf den Weg. Wir winken ihnen zum Abschied
- sie winken dezent zurück.
Die Route an der Ostküste entlang führt uns manchmal auf engsten, kehrig-kurvigen
Straßen (bitte hupen!) zwischen den Turmansammlungen hindurch. An einer
Verkehrsregelung ist man auch hier nicht interessiert. Selbst Verkehrszeichen
sieht man selten, und wenn, sind sie manchmal uralt und nur noch schwer oder gar
nicht zu deuten.

Manche der Ortschaften
sind tatsächlich Geisterstädte. Verlassen von ihren Einwohnern verfallen
sie langsam. Andere Türme werden liebevoll renoviert, zu Hotels ausgebaut
oder im historischen Stil neu errichtet. Irgendwann soll der Fremdenverkehr auch
auf der Mani massiven Einzug halten - doch wir haben das Gefühl, dass das
noch lange dauern wird.
Irgendwo
auf einer Bergkuppe müssen wir anhalten. Eine Rinderherde, lauter schwarze,
fadsisiert dreinschauende große Tiere mit ihren Jungen, versperrt uns den
Weg. Wir hupen. Nützt nichts. Sie wenden nicht einmal die Köpfe in unsere
Richtung. Wir warten. Sie bewegen sich nicht von der Stelle. Klar, wer tut das
auch bei der Gluthitze? Da auch uns langsam warm wird, beschließen wir,
vorsichtig zwischen den Tieren durchzufahren. Tjaky schafft es. Rudis Pan strahlt
rot im Sonnenlicht. Manische Rinder haben offensichtlich noch nichts davon gehört,
dass Rot eine Reizfarbe für sie sein soll. Sie lassen auch Rudi unbeschädigt
passieren.
Auf
der westlichen Seite der Mani angekommen, fahren wir noch ein Stück südlich,
bis wir, fast in Porto Kagio, beschließen umzukehren. Der Sprit im Tank
der Deauville neigt sich dem Ende zu und bis zur nächsten Tankstelle sind
es lt. Landkarte noch einige Kilometer. In dem Ort, in dem wir wenden, wollen
wir noch einen Kaffee trinken, doch Taverne ist keine in Sicht. Rudi erkundigt
sich bei einem Mann. "No english", antwortet dieser rauh. Wir sind auf
der Mani.
Also laben wir uns mit Isotonischem aus der Motorrad-Bar und heften ein Bikerwelt-Visitenkarterl
an einen Lichtmast. Wer es findet, darf es behalten!
Die
Strecke an der Westküste der Mani ist fahrtechnisch lange nicht so anspruchsvoll
wie die der Ostküste. Wir entdecken bald eine neu erbaute Tankstelle, die
in unserer Straßenkarte noch gar nicht eingezeichnet ist. Sie ist so neu,
dass man zwar mit Sprit, nicht aber mit einer Toilette dienen kann (oder will
- wir sind auf der Mani).
Erst bei der Abzweigung nach Pygros Dirou (zu den tollen Tropfsteinhöhlen,
die wir vielleicht auf unserer nächsten Reise besuchen) entdecken wir endlich
eine Taverne, die samt guter Parkmöglichkeit Labung bietet. Vassili, ein
freundlicher Grieche, Architekt und auf einen Kunden wartend, lädt uns gleich
ein, sich zu ihm zu setzen. Er spricht gut Englisch, erkundigt sich, woher wir
kommen und wohin wir wollen. Vassili erzählt uns über das alte Sparta,
dass die Kinder mit sechs Jahren ihre harte Ausbildung begannen, am Boden schlafen
und Blutsuppe essen mussten. Auch, dass auf einen spartanischen Krieger vier Sklaven
kamen und die Gesellschaft dort damals strengen Regeln unterlag - während
sich der Adel in Athen ein lustiges Leben machte.
Wir
plaudern über den aktuellen Hausbau in Griechenland und über die Zeit,
als Vassili im In- und Ausland als Musiker mit seiner Gitarre und Mundharmonika
unterwegs war. Sein Kunde ist inzwischen eingetroffen und wartet geduldig am Nebentisch.
Wir merken: Hier irgendwo ist die Mani zu Ende - die Gegenwart hat uns wieder.
Etwas erholt machen wir uns in der Nachmittagshitze auf den Weg nach Githio, um
einige landschaftliche und menschliche Eindrücke reicher.
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