|
Während
es beim Auto fahren ziemlich egal ist, wie der Fahrer drauf ist, wenn es draußen
stürmt oder aus Schaffeln schüttet, schlagen sich Wetter, Umweltbedingungen
und Verkehrslage beim Mogorradfaher weitaus schneller auf's Gemüt - oder
auch nicht!
Mit zunehmender Erfahrung und der Bewältigung verschiedener Strecken unter
unterschiedlichen Bedingungen erkannte ich, wie sehr sich die Laune, die man gerade
im Sattel hat, auf das Fahrverhalten auswikt.
Die Hauptfaktoren sind:
- ausgeruht oder müde,
- gut oder schlecht gelaunt,
- die Auswirkungen diverser Aktivitäten in den Tagen oder
am Tag bzw. der Nacht davor,
- die positiven oder negativen Erfahrungen, die man bereits in
einer solchen Situation machte sowie
- die Erwartungshaltung.
Dazu einige Beispiele aus der Praxis:
Auf der
Strecke Wien - Salzburg wechselte das Wetter permanent von Regenguss auf strahlenden
Sonnenschein. Die ersten beiden Niederschläge waren nicht so schlimm. Beim
dritten, irgendwo in Oberöstereich, verdunkelte sich der Himmel nachtartig
und ein heftiger Wolkenbruch begann. Den Hauptakt der Wettereskapade verbrachte
ich bei Würstel mit Saft in der Raststätte. Es fügte sich, dass
das Unwetter vorbei war, als ich das Restaurant verließ. 50 km weiter, das
selbe Spektakel. Doch zu meinem Erstaunen empfand ich den mächtigen Guss
von oben sogar als recht amüsant. Ich reduzierte das Temop auf 80 km/h und
kämpfte mich, ausgeruht und fröhlich im Helm vor mich hinpfeifend,
durch die Fluten.
Vier
Tage später stand die Rückfahrt an. Zwar hatte ich mich gut ausgeschlafen
und es herrschte optimales Bikerwetter, doch lief die Fahrt nicht so recht. Irgendwie
fühlte ich mich, trotz genügend Schlaf, müde. Rückblickend
stellte ich fest, dass mir die in Salzburg verbrachten Tage mit den vielen, für
mich ungewohnten Fußmärschen, die Stadtbesichtigung und das Nachtleben
noch in den Knochen steckten und die Fahrt bei Schönwetter anstrengender
verlief, als die Hinfahrt mit den vielen Wolkenbrüchen.
Besonders
bei Touren oder Reisen, die man nicht 100%ig durchplanen kann, sollte man vorab
keine fixen Abläufe und Ziele hineinprojizieren, sondern in Gedanken alles
offen lassen und sich ev. sogar auf den schlechtesten Fall einstellen.
In Griechenland stand die Verlagerung unseres Zeltes von der Insel Euböa
nach Parga mit einer geplanten Nächtigung nach 220 km in Nafpaktos an. Am
Campingplatz in Eretria, unserem Ausgangspunkt, baten wir den Platzmanager, mit
einem Telefonat festzustellen, ob Camping Platanitis in Nafpaktos geöffnet
wäre. Er rief an und teilte uns mit: "Is open."
Je näher wir Nafpaktos kamen, umso mehr formierte
sich das Bild in meiner Vision: Zelt aufstellen ... Kaffee trinken ... Kekse knabbern
... Luftmatratze aufblasen ... Schlafsack drauf ... einwickeln und schlaaaafen!!!
Gedanklich war ich völlig davon überzeugt, dass die Tour so ablaufen
würde.
Dieses Bild verpuffte schlagartig, als wir gegen
17 Uhr feststellen mussten, dass Camping Platanitis geschlossen war. Griechisch,
wie Griechenland nun einmal ist, hatte unser Platzmanager mit einem unaktuellen
telefonischen Anrufbeantworter telefoniert.
Psychisch am Boden zerstört, überlegten
wir nach einem Ausweg. Rudi, der in solchen Lebenslagen ziemlich abgebrüht
reagiert, schlug vor, gleich nach Parga durchzufahren - was bedeutet, auf die
bereits gefahrenen 230 km noch 270 km draufzusetzen. Eine deprimierende Vorstellung,
wenn man gedanklich bereits die Seele auf der Luftmatratze und im Schlafsack verpackt
baumeln ließ!
Ich stimmte erst einmal einer Teiletappe nach Amfilochia
zu, wo der nächste Campingplatz wäre, aber ich wusste, dass Rudi gerne
die gesamte Strecke nach Parga bewältigen würde. Somit speicherte sich
in mir nach und nach ein neues Bild ab, welches mir dann zu genügend Kraft
und Konzentration verhalf, als es auf der Strecke nach Amfilochia auch noch 100
km lang leicht regnete.
Gestärkt durch ein verspätetes Mittagesen
in Amfilochia bewältigte ich dann sogar wieder gut gelaunt und munter die
letzten 90 km nach Parga, wo wir gegen 22 Uhr, müde und jedes kleine Fältchen
in der Lederhose verfluchend, ankamen.
Es waren die härtesten 500 km, die ich je über
Bundesstraße an einem Tag gefahren bin!
Die persönliche
Einstellung zu unerwarteten (Verkehrs)Situationen spielt eine wichtige Rolle.
Sie bestimmt, ob man diese mit Herz, mit Angst, mit einem Hoppala oder gar nicht
bewältigt. Ich nenne solche Fälle (speziell auf unseren Reisen in Griechenland)
"Sonderprüfung" und versuche - wenn es auch bequem wäre, Rudi
das Radl in die Hand zu drücken - sie selbst zu bewältigen. Denn: Im
Fall dass kein Rudi o.ä. vorhanden ist, muss ich mich aus der üblen
Lage ja selbst befreien.
Je mehr solcher Situationen man im Laufe der Zeit
bewältigt, umso sicherer wird man - und manchmal sind sie auch ein effizienter
Maßstab, um eine Verbesserung des eigenen Fahrkönnens festzustellen.
Da gibt es eine sehr enge Kehre vor Delfi, die ich
im Jahr 2004 mit der Deauville nur über die gegnerische Fahrspur schaffte
und Glück hatte, dass nichts entgegen kam. Im Frühjahr 2006 fuhren wir
dieselbe Strecke wieder. Natürlich hatte ich Angst vor dieser Haarnadel.
Ich arbeitete mich konzentriert den Berg hinauf - und fand mich plötzlich
in Delfi wieder. Ich fragte mich, wo denn da nun meine Angstkurve geblieben wäre?
Auf alle Fälle lag sie hinter mir!
Situationen,
in denen mehr oder weniger schmerzhafte Hoppalas passiert sind, speichern
sich im Unterbewusstsein besonders tief ab.
Während der eine nichts Negatives an einer Regenfahrt findet, weil es bislang
bei ihm keine Probleme damit gab, weigert sich ein anderer beim ersten Regentropfen
weiterzufahren, da er sich auf nasser Fahrbahn schon einmal hingelegt hat.
Es gibt zwei Lösungsvarianten, die individuell von jedem selbst enschieden
werden müssen und wo man sich auch nicht durch andere Fahrer beeinflussen
lassen darf.
Entweder man geht die Sache an, kneift nicht, wenn man wieder in dieselbe Lage
kommt, steckt so weit zurück, dass man sich dabei sicher fühlt (man
kann sich, soferne möglich, auch absichern oder helfen lassen, z.B. beim
Wenden an einer ungünstigen Stelle) und schafft die Situation - wenn vorerst
auch nicht so zügig und versiert wie andere Fahrer. Stülp dir eine unsichtbare
Käseglocke über und lass die blöden Bemerkungen deiner Umwelt daran
abprallen. So schaffst du dir die Chance, aus dem psychischen Dilemma mit der
Zeit wieder rauszukommen.
Oder du lässt es bleiben, beendest die Fahrt an diesem Punkt oder übergibst
das Motorrad an einen Kumpel, der es dir dorthin positioniert, wohin es soll.
Wenn die Angst, z.B. bei einer Regenfahrt, zu tief sitzt, wird es nichts bringen,
wenn du dich vielleicht schon müde, mit angespannten Nerven, überkonzentriert
und mit Schweißperlen auf der Stirn unter'm Helm durch ein Gewitter quälst
und damit eventuell sogar ein nächstes Hoppala produzierst. Dann ist es besser,
soferne möglich, die Fahrt zu beenden und zu einem geeigneteren Zeitpunkt
fortzusetzen.
|