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EIN TEIL DER (UNGESCHRIEBENEN) REGELN
Nein, ich liste
sie hier nicht auf, denn vieles hat ganz einfach mit Respekt, Höflichkeit
und Ehrlichkeit zu tun. Doch gerade diese Anstandsregeln sind in unserer Gesellschaft,
besonders in der Geschäftswelt aber auch privat, mächtig unter die Räder
gekommen. Die Regeln sind uralt. Adolf Freiherr von Knigge hat sie 1788 erstmals
aufgeschrieben.
Der Peppi hat gleich auf seinem dritten Bikerfest diesbezüglich eine Erfahrung
gemacht, die verdeutlichen soll, was wir meinen:
Peppi
hat ein paar ganz besonders schöne Radeln entdeckt, die will er unbedingt
fotografieren. Dass er so ein rot-weißes Plastikband übersteigt, um
näher ran zu kommen, bemerkt er in seiner Euphorie gar nicht. Gerade als
er sich sein Knipserl ans Auge hält und zum ersten Mal abdrücken will,
klopft ihm jemand unsanft auf die Schulter.
"Hey, du da!" schnauzt ihn der Biker mit grimmigem Gesicht und einem
bösen Glitzern in den Augen an. "Schleich dich! Raus da aus der abgesperrten
Zone!"
Peppi schluckt. "Abgesperrte Zone?" stammelt er verschüchtert.
- "Bist blind? Hast das Band da nicht gesehen? Geh! Ab mit dir!"
Tja - dieses rot-weiße Band!
"Entschuldigung", sagt Peppi, springt gehorsam über die Absperrung
und schaut den bösen Clubmember mit seinem herzigsten Dackelblick an. "Ich
hab nicht gewusst, dass das auch für Fußgeher gilt. Hab geglaubt, hier
soll keiner sein Radl hinstellen oder fahren." - "Abgesperrt ist abgesperrt",
erklärt ihm der Biker ein kleines bisschen freundlicher. "Halt dich
dran!" - "Ich wollt doch nur ein paar Details fotografieren", dackelt
der Peppi weiter. "Geh, bitte, darf ich? Von hier aus geht's so schwer!"
- "Na gut", meint der Böse und zwinkert ihm zu. "Fotografieren,
nix antappen und dann gleich wieder raus!" - "Danke!" strahlt Peppi.
"Bist echt a Wahnsinn!"
Da entrutscht dem bösen Biker sogar ein Grinsen.
Peppis kleines Hoppala - das er mit Bravour geregelt hat - ist ein Paradebeispiel
dafür, wie ein Szeneneuling ins Fettnäpfchen treten kann. Bikerclubs
sind großartige Gastgeber, die bestrebt sind, alle Wünsche ihrer Gäste
zu erfüllen, bei ihren Festen jedoch auch enorm auf die Sicherheit der Anwesenden
und auf das gesamte Areal achten müssen.
Der Gast befindet sich NICHT in einem Gasthaus oder auf dem Event eines
professionellen Veranstalters, sondern auf Privatgebiet. Hier machen die Clubmitglieder
honorarfrei in ihrer Freizeit die ganze Arbeit, die sonst von Angestellten, Servicepersonal
oder einem bezahlten Reinigungsdienst durchgeführt wird. Der Reinerlös
eines Bikerfestes kommt meist der Clubkassa zugute, aus der geschöpft wird,
um z.B. das Clubareal und -haus zu erhalten, oder wird oft auch einem guten Zweck
gespendet.
Eine
der wichtigsten "Biker-Benimm-Regeln" lautet: Berühre keine Motorräder
und mache ja nicht den Kapitalfehler, dich auf eines - ohne den Besitzer vorher
zu fragen und seine Zustimmung abzuwarten! - draufzuschwingen.

Wer auf einem Fest die einfachen Regeln des Anstandes verletzt (z.B. Abfall nicht
im Müllsack deponiert, sondern irgendwo am Gelände fallen lässt
oder Club(haus)ausstattung beschädigt, fällt sofort ungut auf. Wer dann
auch noch behauptet "Ich war's nicht!", fällt noch mehr in Ungnade.
Jedem vernünftigen Menschen, so auch Bikern, ist klar, dass einem anderen
ein Fehler passieren kann - sich jedoch dafür nicht zu entschuldigen oder
für einen Schaden nicht gerade zu stehen, ja vielleicht noch alles abzustreiten
und die Schuld einem anderen in die Schuhe zu schieben, steht auf der -Liste
der Bikerszene ganz oben.
Wer die Regeln beachtet, fällt überhaupt nicht auf, denn sie sind für
Biker selbstverständlich.
Benimm dich also wie ein Gast bei guten Freunden, denn du bist es! Befolge die
Anweisungen und achte auf das Areal und die Ausstattung!
Wenn dir etwas gegen den Strich geht, handle nicht auf eigene Faust, sondern sprich
mit einem Mitglied des veranstaltenden Clubs. Ein Beispiel:
Peppi
will auf ein großes Bikerfest, aber nur kurz, denn er hat an diesem Tag
noch einen wichtigen Termin. Als er am Festgelände ankommt, sieht er vom
Tor aus am Areal weit und breit keinen Platz, um sein Fahrzeug abzustellen. Alles
voll mit Motorrädern, Ständen, Zelten und Festbesuchern. Irgendwo ganz
hinten würde für sein Radl wohl noch ein Platzerl frei sein, aber sich
dorthin durchzukämpfen und dann wieder zurück, würde einiges an
Zeit kosten.
"Kann ich auch draußen auf der Straße parken?" erkundigt
sich der Peppi deshalb am Einlass, denn er hat bemerkt, dass auf der Zufahrt kein
einziges Fahrzeug steht. - "Geht net", antwortet ihm der Verteiler des
Begrüßungstrunks. "Die muss frei bleiben, wenn ´was passiert,
damit die Feuerwehr oder Rettung durch kann." -
Das sieht der Peppi ein. "Ich muss in einer halben Stunde wieder weg. Geht's
nicht doch?" dackelt er wieder einmal. - "Nein, die Straße muss
frei bleiben. Aber du kannst dich da als erster hinstellen", meint der Bursche
am Empfang und schiebt den Tisch ein Stück zur Seite, "dann kommst schnell
wieder raus."
Erleichtert stellt Peppi sein Motorrad ab.
"Da, dein Stamperl!" sagt einer vom Begrüßungskomittee. -
"Danke, heute nicht", winkt der Peppi ab. "Ich fahr ja gleich wieder."
Kein Problem. Alkohol zu konsumieren ist nicht zwingend vorgeschrieben und selbst
das Begrüßungsstamperl abzulehnen, gilt keinesfalls als Beleidigung
des Gastgebers.

© Tatjana Suchovsky 2005
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