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PEPPIS ERSTES BIKERFEST
An einem Freitag im Mai holt sich Peppi, der eben erst den A-Schein gemacht hat,
sein neues Motorrad vom Händler ab. Samstag Vormittag macht er sich auf zur
großen Tour, schön vorsichtig, immer der Nase nach und alleine, weil
er keinen kennt, der auch Motorrad fährt.
Auf
der Bundesstraße überholt ihn ein Pulk Chopperfahrer, mit langen Bärten,
in schwarzem Leder, auf chromblitzenden Maschinen und mit großen bunten
Bildern auf dem Rücken.
"Das muss ein MC sein", denkt sich Peppi und lässt ein bisschen
im Tempo nach, um sie ja nicht einzuholen. Über die hat er was im Internet
und in der Zeitung gelesen - aber nix Gutes.
Ein paar Kilometer später tut dem Peppi schon mächtig die Linke vom Kuppeln weh und das Kreuz. Kalt ist es auch, aber ein Gasthaus ist nicht in Sicht. Plötzlich
entdeckt er einen Pfeil am Straßenrand, der auf einen Seitenweg zeigt und
auf dem steht: "Bikerfest". Weil der Peppi jetzt schon gar nicht mehr
kann, entschließt er sich, dem Pfeil zu folgen. Wohl ist ihm dabei nicht
- höchstwahrscheinlich sind diese rauen Typen von diesem MC auch zu dem Fest
gefahren.
Der Weg macht eine Biegung und gibt den Blick auf eine Wiese frei, auf der unzählige Motorräder abgestellt sind. Dahinter Zelte, links drüben eine Bühne, Bänke und Tische
"Servus!" fährt ihn einer von links an, der auch so ein Ledergilet
trägt wie die, die ihn überholt haben, "Willst ein Stamperl?"
- "Was kostet's denn?" fragt der Peppi. - "Nix, das geht auf's
Haus!" grinst der Typ und hält ihm den Begrüßungstrunk hin.
Peppi fingerlt sich den Helm vom Kopf. Brav trinkt er aus. Das Hochprozentige fährt
ihm durch die Kehle. "Danke", keucht er und reicht das Glas zurück.
Dafür drückt ihm der freundliche Kerl nun ein Stück Holzbrett in
die Hand, mit dem der Peppi aber gar nichts anzufangen weiß.
Plötzlich steht ein anderer mit Ledergilet vor ihm, der winkt und fuchtelt wild mit den Armen. Langsam kapiert Peppi, dass er sein Motorrad bei den anderen auf der Wiese
parken soll. Er macht sich zwar fast ins Hemd bei dem Gedanken, sein niegelnagelneues
Radl über unzementierten Boden zu bewegen, aber er probiert's. Ganz langsam.
Zuerst geht alles gut, dann schiebt er nach hinten. Da rutscht das Vorderrad in
ein Loch. Nix geht mehr.
"Wart", schreit einer. Peppi fühlt sich nicht betroffen.
Doch der Bursche springt zu ihm, stemmt sich gegen die Front seines Motorrades
und schiebt ihn aus der Erdmulde. "So, jetzt passt es", lacht er, greift
sich das Brettchen vom Tank und schiebt es unter den Seitenständer von Peppis
Radl. "Stell ab!" - "Danke!" ruft Peppi, doch sein Helfer
hat es nicht mehr gehört. Er weist schon die nächsten Ankömmlinge
ein.
Peppi steigt ab und betrachtet das Brettchen unter dem Ständer. "Der Boden ist noch weich, der Ständer würde einsinken", kombiniert er. "Eine
feine Sache, so ein Brettchen", stellt er fest und schaut hinüber zum
Festplatz. Hunderte Biker müssen es sein, die sich da tummeln. Manche haben
Jeansgilets an mit bunten Flicken drauf, manche sind ganz in Schwarz. Und die
raue Partie von der Bundesstraße ist auch da!
Peppi beschließt, sich erst einmal die Motorräder anzuschauen. So viele auf
einem Fleck hat er noch nie gesehen! Eines sticht ihm mächtig ins Auge. Das
Chrom blitzt in der Sonne, das Air-Brush schlägt alles und die hunderttausend
Kleinigkeiten
Ehrfürchtig geht er näher. Eine Harley!
"Wow!" entfährt es ihm. - "Gefällt sie dir?" fragt eine Stimme hinter ihm - "Joooo!" haucht Peppi ergriffen, ohne den Blick von dem stolzen Gefährt zu wenden. "Die muss ja eine Lawine gekostet haben!"
Erst jetzt wendet er sich zu der Stimme um - und erschrickt. Es ist einer von denen, die
ihn vorhin überholt haben. Breit wie ein Wandschrank steht er da, eine Narbe
am Hirn, dichter Vollbart, ein Bandana mit Totenschädel auf dem Kopf, schwarze
Lederkluft mit Nieten drauf und ein Messer im Stiefelschaft.
"Naja", meint der Bärtige leise und beugt sich ein bisschen näher
zum Peppi. "Hast schon recht mit der Lawine, aber als Chefarzt vom Krankenhaus
Großlauenstein kann man sich das schon leisten, wenn man ein paar Tage eisern
spart", stülpt sich den Helm über, sitzt auf, startet und ist dahin.
"Chefarzt
", murmelt Peppi verblüfft. "Ja klar
eh klar
eigentlich
"
Peppi geht hinüber zum Festplatz, labt sich an Gegrilltem, hört ein bisschen
zu, was die anderen so plaudern und schaut sich um. Er kommt sich vor wie auf
einem anderen Planeten
oder auf einem Kostümfest. Er sieht die eigenartigsten
Typen, vom ausgemachten Western-Freak, geschmückt mit Fuchsschwanz auf dem
Jopperl und der Indianerkette um den Hals, bis hin zum Ganz-in-schwarzem-Leder-Biker,
dem jeglicher Farbtupfer auf seinem Outfit körperliche Schmerzen zu bereiten
scheint. Manche von ihnen schauen wirklich Furcht erregend aus, manche echt witzig.
Aber er sieht auch welche, die "ganz normal" aussehen - Motorradfahrer
wie er mit Sweater und Tourenjacke. Und das beruhigt den Peppi enorm.
Am Nachmittag fährt Peppi heim. Er ist ganz stolz, so viele Biker und Radln gesehen zu
haben. Und obwohl die alle so wild ausgesehen haben, ist das Festl ganz ruhig
verlaufen. Er hat sich auch einen Aufnäher gekauft. "MFG Fliegenbeißer" steht drauf. Zwar weiß er noch nicht wirklich, was er damit machen soll,
aber auf den ist er auch ganz stolz.
Was ihm aber nicht aus dem Kopf geht, ist die Frage: "Bin ich jetzt ein Biker,
weil ich auf einem Bikerfest war?"

© Tatjana Suchovsky 2005
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