Biker
mit Herz
28. 5. 2000
Oslip, Bgld., 28.5.2000, 10:00 Uhr. Noch ist es ruhig vor der Cselley Mühle,
dem Treffpunkt zur Benefizfahrt "Biker mit Herz 2000". Wolfgang Mihalits, der
diese Tour nun zum dritten Mal organisiert, baut seinen Stand auf. Dort kann man
sich anmelden, dort kann man seine Spende abgeben, T-Shirts erstehen, dort bekommt
man die Infos und Aufkleber.
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"Den brauchen wir heute", freut sich Wolfgang und stellt einen Sonnenschirm
auf. Das Wetter spielt mit. Gestern herrschte noch Sturm, heute strahlt die Sonne
vom Himmel.
Noch sitzen die zahlreichen Tauben verschlafen gurrend auf den Dachgiebeln der
alten Mühle. Von Bikern ist weit und breit nichts zu sehen. Bald trudeln
die ersten ein, melden sich an, um dann im Lokal in der Mühle zu frühstücken
oder noch ein bisschen die Gegend zu erkunden.
12:00 Uhr. Das Bild hat sich gewandelt. Der Parkplatz vor der Cselley Mühle
füllt sich. Einzeln oder in Gruppen, mit Sozia, Kind oder Hund, alle Varianten
von Hubräumen und Marken finden sich nun ein. Der Einweiser versucht Ordnung
ins Chaos zu bringen, was ihm sogar fast gelingt.

12:30 Uhr. Der Parkplatz droht überzugehen. Immer noch trudeln Neuankömmlinge
ein. Das Bild ist überwältigend.
13:00 Uhr. Die Motoren werden angeworfen. Die Tauben flüchten. Wie ein wild
gewordener Hummelschwarm liegt das Geräusch von ca. 250 genannten Motorrädern
in der Luft – es wird gemunkelt, dass es aber auch 330 sein könnten. Durch
das Nadelöhr einer engen Rechtskurve formiert sich, ohne jegliche Kollision
dank der Umsicht und Ruhe aller Biker, eine ca. 2 km lange zweispurige Kolonne.
An der ersten Kreuzung erwartet uns schon die Gendarmerie. Der übrige Verkehr
hat zu ruhen. Nur die Biker fahren! So geht es über Eisenstadt und Mattersburg
bis Oberpullendorf weiter. Neuralgische Punkte wie Kreisverkehr und größere
Kreuzungen sind von der Exekutive sowie von den freiwilligen Helfern abgesperrt.
Lichtsignale blinken gelb – und wo es doch noch „rot“ ist, winkt ein freundlicher
Gendarm die Zweiräder durch.
Überall entlang der Route finden wir überraschte Passanten, die begeistert
den Convoy mit offenem Mund bestaunen, sowie Autofahrer, die zum Teil gefesselt
von dem Bild freiwillig anhalten, zum Teil aber angesichts ihrer erzwungenen Fahrtunterbrechung
genervt aufs Lenkrad trommeln.
Ca. 14:30 Uhr, Oberpullendorf. Unser Ziel, die „Förderwerkstätte Oberpullendorf“,
liegt auf einer sanften Anhöhe in einer Seitengasse, deren Kapazität
an Parkplätzen sich schnell erschöpft. Auch hier drückt die Exekutive
wieder beide Augen zu, denn sogar die Kreuzung zur Hauptstraße und die Gehsteige
werden kurzerhand zum Bikerplatz umfunktioniert.

Nun wird’s eng in der schmalen Straße. Ungefähr 400 Personen in
Leder mit Helmen in der Hand bewegen sich auf die Behindertenwerkstatt zu.
Noch enger ist es im Garten um das Haus. Dort empfängt man uns freudig. Tische
und Bänke sind aufgestellt, das Buffet ist angerichtet. Doch die „heiße
Schlacht“ bleibt aus. Wohlgeordnet finden Kuchen, Bäckereien und Aufstrichbrote,
die von den Behinderten und deren Eltern produziert wurden, sowie verschiedene
Getränke ihren Weg ins Freie.
Heftiger
Applaus leitet den Höhepunkt des Tages ein: die Übergabe des Schecks.
55.070,- öS steht drauf. Ein Betrag, der sowohl Wolfgang als auch Fr. Rosnak,
die Leiterin der Förderwerkstätte strahlen lässt. Mit dem Geld
soll der kürzlich fertiggestellte Anbau ausgestaltet werden und – wenn noch
etwas übrig bleibt – ein Tagesausflug für die 24 dort beschäftigten
geistig und mehrfach Behinderten organisiert werden.
Auch der Bürgermeister von Oberpullendorf ist anwesend, der zu der stolzen
Summe 5.000,- öS beigesteuert hat.
In der Förderwerkstätte Oberpullendorf werden die Behinderten im Rahmen
von Beschäftigungstherapie zur Selbständigkeit, zur eigenen Meinungsbildung
und Entscheidungsfähigkeit sowie zu Verantwortungsbewusstsein hingeführt.
Sie stellen Produkte wie zB Keramikarbeiten, Web- und Knüpfteppiche, Holzspielzeug
und Möbel her.
Spendenkonto: Bank Burgenland BLZ 51000, Konto 916-206-98000.
Wolfgang ist glücklich. Waren bei der ersten von ihm veranstalteten Tour
1998 bei strömendem Regen gerade einmal 50 Biker dabei, steigerte sich die
Zahl im darauffolgenden Jahr auf 150 – und diesmal 250! Was er sich für die
Zukunft wünscht? „Dass sich die Teilnehmerzahl im Jahr 2001 verdoppelt.“
Wie kamen die 55.070,- öS zusammen?
"Schon im Vorfeld der Tour haben meine Helfer und ich Spenden gesammelt. Mit Hilfe
der Sponsoren wurden T-Shirts produziert und verschiedene Motorrad-Clubs sammelten
in ihren Reihen", berichtet Wolfgang.
Woher wussten so viele Biker von dieser Benefiztour?
"Ich bin LKW-Fahrer. Überall, wo ich anhielt, und wo es möglich war,
habe ich ein Plakat aufgehängt. In den Biker-Geschäften habe ich Info-Zettel
aufgelegt. Und die Mundpropaganda kam auch noch dazu."
16:30 Uhr. Die kleine Seitenstraße in Oberpullendorf leert sich. Eines nach
dem anderen verschwinden die Bikes in die verschiedenen Himmelsrichtungen. Es
kehrt wieder idyllische Ruhe ein.
Was zurückbleibt ist bei allen "Bikern mit Herz" die Erinnerung an einen
wunderschönen Tag und die Gewissheit persönlich und direkt vor Ort geholfen
zu haben, sowie eine Handvoll Menschen, die erlebten, dass österreichische
Biker zu durchaus mehr imstande sind, als nur röhrend durch die Gegend zu
rasen!
Erschienen in gekürzter Form in "Biker in Österreich"
3/2000.

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