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Also aufgesessen
und los! Das Festl ist nur eine Stunde von Tolo entfernt. Je näher wir Didima
kommen, umso mehr begegnen und überholen uns Motorradfahrer, wie sie in dieser
Menge sonst nie in Griechenland in einer Region gleichzeitig anzutreffen sind.
Sie scheinen wie wir durch die Gegend zu irren und das Bikertreffen zu suchen.
Wir
schießen über das Ziel hinaus, denn dort, wo wir einbiegen hätten
müssen, stand die Polizei mit dazugehörigem Fahrzeug und vier Mann hoch
- für unsere Verhältnisse undenkbar, dass die Herren an der Zufahrt
zu einem Motorradtreffen Posten beziehen.
In Griechenland ist das anders. Die Exekutive ist präsent, aber sie exekutiert
nicht. Es herrscht Frieden für vier Tage. Die Motorradfahrer passieren die
Polizisten ungestraft ohne Helm am Kopf und ohne Licht, mit zum Teil ziemlich
gewagt umgebauten Bikes.
Auch "Zufaht beschildert" gibt es in Griechenland noch nicht. Ein paar
Pfeile auf der Fahrbahn mit bunter Kreide gemalt, sollen ausreichen, um die Anreisenden
auf den richtigen Weg zu leiten. Über eine ziemlich schlaglöchrige,
schmale Straße erreichen wir das Festareal, in dessen Mitte sich ein riesiger,
herabgewirtschafteter Hotelklotz befindet. Rundherum: Zelte, so weit das Auge
reicht.
 


Dazwischen bis
zu 4 m im Durchmesser große Feuerstellen, schattenspendende Bäume und
Motorräder: zu 94 % mit griechischem Kennzeichen, zu 5,9 % ohne Kennzeichen,
das restliche 0,1 % sind Schweizer und Deutsche.
Man wird das Gefühl nicht los, dass hier alles, was das Motorrad und sein
Umfeld betrifft, im Vergleich zum Stand der Dinge in unseren Landen noch in den
Kinderschuhen steckt. Ein Prospekt, vom Veranstalter mit dem Erinnerungs-T-Shirt
verteilt, bewirbt Motorradbekleidung zu Preisen, die in Österreich oder Deutschland
am Markt keine Chance hätten. Auch Jeans-Kutten mit Erinnerungspatches sind
hier völlig unbekannt. Die unsrigen werden von allen bestaunt und immer wieder
müssen wir erklären, was es damit auf sich hat. Die Idee findet Gefallen
unter den griechischen Bikern.
 
Dann entdecken
wir doch noch ein paar Kuttenträger: die Members der "Macedonian Warriors",
die uns ebenfalls freundlich willkommen heißen. Sie sind einer von acht
MCs in Griechenland. Und es gibt noch ca. 50 andere Fahrgemeinschaften, meist
Enduro-Clubs.
 
Was wir hier an
Motorrädern zu sehen bekommen, ist unbeschreiblich! Somanches Gefährt
wurde aus vielen zu einem zusammengebaut. Einen TÜV hat es nie gesehen. Andere
sind brandneu. Sportliches Fahren wir auch in Griechenland langsam modern und
löst die für hiesige Straßenverhältnisse so praktischen Enduros
ab. Als modern gilt es offensichtlich auch, den hinteren Kotflügel abzumontieren
und die Blinker und das Kennzeichen gleich dazu.
  
Die Individualität
der Fahrzeuge auf diesem Motorradtreffen verdeutlichen uns die Philosophie der
griechischen Exekutive: Es ist nicht wichtig, dass Umbauten auf konstenintensivem,
bürokratiebelastetem Weg typisiert werden und beflissentlich darüber
gewacht wird, dass ja kein Teil montiert wird, das nicht staatlich bewilligt ist
(siehe auch das Ende unserer Reise, den Grenzübertritt nach Österreich),
sondern dass das Motorrad und der Fahrer sicher und weder angetrunken noch unter
dem Einfluss von Drogen unterwegs sind.
 
Ein Beispiel: Es
ist völlig unwichtig, wie groß die Blinker sind, ob sie für das
Modell zugelassen sind, ob sie ein E-Prüfzeichen haben und ob sie in die
Fahrzeugpapiere eingetragen sind - Hauptsache es sind welche am Fahrzeug drauf
und sie funktionieren. Und wenn sie dann auch noch benützt werden, ist die
Sache perfekt!



Die Helmpflicht
gibt es schon lange. Seit zwei Jahren wird von der Polizei - auch mit Strafen
- darauf geachtet, dass sie eingehalten wird. Sie endgültig durchzusetzen,
wird wohl noch einige Jahre dauern. Auch die Motorrad-Zubehörindustrie ist
gefordert und wird das ihrige dazu beitragen können, indem sie Motorradbekleidung
und Helme produziert, die für Temperaturen über 40 °C geeignet sind.
 
Wir verlassen das
Fest, welches von der HELLENIC MOTORCYCLISTS
FEDERATION veranstaltet wurde, am späten Nachmittag, um noch vor Einbruch
der Dunkelheit zurück in Tolo zu sein. Die Bilder dieses Tages hinterlassen
einen tiefen Eindruck in uns. Es gab viel zu bestaunen und vieles verwunderte
uns. Noch müssen Griechenlands Polizisten den Motorradfahrern beibringen,
einen Helm zu tragen. Noch können wir in diesem Land freie Bike-Individualität
erleben. In ein paar Jahren - fürchten wir -, wird auch hier EU-gesteuerte
Bürokratie Oberhand gewinnen.

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