|
Freitag,
25.4.2008, früher Nachmittag. Ein Wolkenbruch überschwemmt Wien. Ich
stehe am Fenster, beobachte die Flut von oben und frage mich, wie schwer wohl
ein Fahrrad wird, das mit Pappmaché zum Motorrad umgestylt wurde, und wie
sich dessen dann vermutlich ungleich gelagertes Gewicht auf Fahrverhalten und
Traktion auswirkt.
Den Ursprung dieses Gedankens bildet Ernstls Versuch, mit eben einem solchen
Fahr-Motorrad ein Mal die Wiener Innenstadt zu umkreisen. Angesichts des schlechten
Wetters kann man seine bereits traditionelle Ringrunde diesmal tatsächlich
als Versuch ansehen, denn: Was, wenn das Sauwetter anhält und sich das "Ding"
auflöst?
Das außer Konkurrenz angefertigte Pappmaché-Motorrad umkreist
die Wiener Innenstadt
Wer Ernstl Graft kennt, der weiß, dass die Sprachlosigkeit nicht zu jenen
Eigenschaften zählt, die man ihm spontan zuschreiben mag. "Völlig
hin und weg" war er jedoch, als vor Monaten die ersten Bilder der 54 zum
Pappmaché-Wettbewerb eingeladenen Sozialeinrichtungen in der TOY-RUN-Zentrale
eintrafen. Da es auch seinem Freundeskreis nicht anders erging, war schnell ein
Entschluss gefasst: Die handwerklich geschicktesten "Gelbjacken" marschierten
in den Bastelkeller und schufen auch ein Motorradmodell mit Mehrwert: "Es
muss fahren können". Voll fahrtauglich ist es auch geworden - und ausgesprochen
umweltfreundlich. Während die Kinder und Jugendlichen in den Sozialeinrichtungen
mit Papier, Schere und Kleber hantierten, griffen die "älteren Kinder"
zu gröberem Werkzeug. Mit Hammer und Säge, mit Blechschere und Schweißgerät
schufen sie ein verkleidetes Fahrrad, das anschließend mit der charakteristischen
gelben Karosserie verschönert wurde.
Bei der Anfahrt zum Treffpunkt, dem Burgtheater an der Wiener Ringstraße,
spritzt es aus dem Himmel. Als wir ankommen, hat es aufgehört. Während
wir darauf warten, dass es losgeht, ziehen höchst bedrohliche Wolken hinter
dem Rathaus auf.
Klicke, um zu vergrößern:
Nachdem Ernstl gestartet ist, hat der Wettergott ein Einsehen und hält
das Unwetter zurück. Keine durchweichten, aufgelösten Papierfetzen auf
der Fahrbahn, denen wir ausweichen müssten.
Diesmal habe ich am Ende des Konvoys Position bezogen, von wo aus ich Ernstls
Strampelei in der Pole zwar kaum mitbekomme, umso mehr aber das beeindruckende
Bild der meist warnblinkenden Motorräder, deren Fahrer sich hupend und winkend
an den Schaulustigen am Straßenrand vorbeibewegen.
Zurück am Burgtheater das Resumée Ernstls: "Es
war sehr anstrengend, weil der Sitz sehr niedrig eingestellt war. Dadurch war
das Strampeln extrem oberschenkel-intensiv. Die Lenkstange war mir suspekt, die
hat gerüttelt und gewackelt, dadurch war ein Aufstehen und im Stehen-Strampeln
nicht möglich. Ich versuchte ein annehmbares Tempo zu erreichen, damit die
Mopeds nicht heiß werden - mir wurde allerdings sehr heiß."
Dass es diesmal ab der Steigung sehr langsam weiterging, merkte man im Konvoy,
doch legte Ernstl ein akzeptables Tempo vor, sodass es nicht notwendig wurde,
anzuhalten. Faszinierend einmal mehr am Rande zu beobachten, wie gesittet und
aufeinander achtend sich die Teilnehmer trotz Schneckentempo von vier Spuren auf
zwei zusammenfädelten ohne einander zu touchieren, als bei der Urania abgebogen
wurde.
Ernstl berichtet weiter: "Ab der Urania macht die Ringstraße eine Steigung
durch, die man mit dem Moped nicht merkt, am Radl sehr wohl." Sehr wohlgefällig
und dankbar äußerte er sich auch über die Unterstützung der
Polizei, die Kreuzungen sperrte und es so möglich machte, zügig durchgehend
in die Pedale treten zu können.
Warum tut er sich so etwas überhaupt an?
"Aussergewöhliche Bewegung" lautet das diesjährige Motto.
Ernstl hatte vorab erklärt: "Mit meiner Fahrt möchte ich nicht
nur auf die bevorstehende TOY-RUN hinweisen, sondern auch aufzeigen, dass sich
sowohl tausende Mitarbeiter in den verschiedensten Sozialberufen, aber auch unzählige
Freiwillige, NGOs und Initiativen in Österreich gerne und mit Leidenschaft
für Bedürftige abstrampeln. Ob in Kinder- oder Altenheimen, in Spitälern,
Geriatriezentren oder in Pflegezentren; ob in Großstädten oder kleinen
Gemeinden: Überall sind engagierte Menschen für ihre Mitmenschen und
die Gesellschaft da, obgleich ihre Arbeit oft unbemerkt erfolgt, und manchmal
auch ungedankt bleibt."
Fotos: Tjaky, Toy-Run-Crew
|